Ich freue mich sehr, Sie zur Eröffnung meiner Ausstellung mit neuen Arbeiten an einem etwas ungewöhnlichen, aber recht prominenten Ort, nämlich dem Zwischengeschoß des U-Bahnhofs Universität, begrüßen zu dürfen.
Die Welt, die Künstler im Allgemeinen und ich im Besonderen in ihren Werken aufstellen, ist natürlich eine andere als die der unzähligen Genuss-Welten, Duftwelten, Einkaufs-Welten, digitalen Welten, Fitness-Welten, Urlaubswelten, Erlebniswelten, Wellnesswelten etc.
In meine Bildwelten treten Sie ein in imaginäre Landschaften, die wie surreale Räume anmuten, in denen sich Figuren, Zeichen und Farbflächen begegnen. Unterschiedlich fragmentierte Sichtweisen stellen sich dar: Organische und anthropomorphe Splitter lagern sich aneinander, ohne sich je ganz zu stabilisieren.
Meine Arbeiten können sicher nicht dazu dienen, was Faust sucht, „zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“, aber vielleicht dazu, ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen, Räume zu öffnen – visuelle, gedankliche und auch emotionale Räume – in denen Sie eigene Verbindungen herstellen können, die Sie vielleicht zu einem Dialog mit den Bildern führen.
Meine „Cuties“ sind ein wichtiger Teil dieser Bildwelten.
Cutie-Kunst, oft verbunden mit dem japanischen Kawaii-Stil, ist eine Ästhetik, die Niedlichkeit, große Augen und leuchtende Farben benutzt, um cartoonartige Charaktere zu schaffen.
Ich habe diese 15 kleinen kreisförmigen Bilder zu einer Art dekorativem Muster in drei Reihen zu je 5 Bildern gehängt. Sie erkennen Früchte, Gemüse, zwei Kaktusse und einen Fisch, die uns jetzt anlachen, angrinsen – mit einem gewissen Kindchen-Schema. Doch bei mir kippt das Niedliche in Übersteuerung: Figuren, die zu laut lachen, zu groß gucken, zu grell auftreten. Sie sind nicht glatt, nicht sauber und nicht digital perfektioniert. Stattdessen werden sie durch die Malerei aufgeraut, intensiviert, überschrieben. Farben prallen aufeinander, Konturen schwanken, Flächen geraten in Bewegung. Die Figuren erscheinen wie Masken: freundlich und gleichzeitig unheimlich, einladend und doch schwer zu greifen.
Gerade diese Überzeichnung und Übermalung macht sichtbar, wie die Bildsprache der „Cuties“ in unserer Gegenwart funktioniert: als schnelle emotionale Abkürzung, als Versprechen von Harmlosigkeit, als visuelle Ware. Ihre scheinbare Einfachheit verweist auf die Bildcodes von Popkultur und Comics.
Doch in meinen Arbeiten wird das Niedliche nicht bestätigt, sondern überdreht, bis es seine eigene Oberfläche sprengt. Die Cuties werden zu Störungen, zu Figuren mit zu viel Energie, zu viel Ausdruck, zu viel Präsenz.
So entstehen Bildräume, in denen sich Humor und Aggression, Spiel und Kontrollverlust, Leichtigkeit und Überforderung überlagern. Diese Cartoonwelt hat ihr eigenes Leben auf einer Bühne, wo das Vertraute plötzlich fremd wirkt – und das Lustige eine dunklere, unruhige Seite bekommt.
Ich sehe im Anthropomorphismus (also der Übertragung menschlicher Eigenschaften, Gefühle, Absichten oder Verhaltensweisen auf nicht-Menschliches) dieser weltweiten Verbreitung der Cuties - nicht nur in der Warenästhetik - auch eine, allerdings ironisch gemeinte, Anspielung auf eine "Allbelebung", wie sie in frühen "animistischen" Kulturen geglaubt wurde. So erscheinen dort Tiere und Pflanzen als Transformationen von menschlichen Verwandten.
Dies könnte auf den Begriff des „globalen Dorfs" verweisen, die der Medientheoretiker Marshall McLuhan schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts prägte - allerdings durchaus kritisch mit Warnungen vor Totalitarismus und Terrorismus, wie sie in den neuen elektronischen Medien bei falschem Gebrauch angelegt seien.
Heute spricht man vom "digitalen-" und sogar vom "KI-Zeitalter" - mit den zum Teil berechtigten Ängsten. Demgegenüber stelle ich hier mit meinem imaginierten lachenden Gemüse und meinen grinsenden Früchten eine positive Utopie eines nachhaltigen und liebevollen Umgangs mit unserer schönen und teilweise nahrhaften Pflanzenwelt vor.
Ich habe Sie zu Gesprächen eingeladen und möchte Ihnen kurz einige Stichworte geben, die Sie vielleicht anregen – eben zu Gesprächen mit mir aber auch untereinander.
Dabei ist mir klar, dass der Künstler vielleicht gar nicht viel zu seinem Werk sagen kann, denn das Werk soll ja für sich sprechen, so sagt man.
Besonders meine „Cuties“ nehmen den Mund fast zu voll, lachen uns an, vielleicht mit zu viel Energie, zu viel Ausdruck, zu viel Präsenz.
In meinen „Bildwelten“ wird zwar nicht gelacht, aber Sie sehen Überlagerungen aus Zeichen, Farbfeldern, organischen Formen und eruptiven Impulsen. Was sich hier zeigt, ist keine rekonstruierbare Geschichte, sondern eine fast poetische Spurensuche nach dem, was im Verborgenen liegt – nach den Energien, die unsere Wahrnehmung lenken und den Erinnerungsräumen, die sich jenseits klarer Gegenständlichkeit bilden.
Hier werden die Betrachter in Bildräume geführt, die sich ständig neu formen. Linien werden zu tektonischen Verschiebungen, Farbbündel zu vegetativen Auswüchsen, Kreisformen zu Markierungen unerforschter Territorien. Gleichzeitig wirken die Gemälde wie Kartographien eines fremden Terrains – doch ohne Legende, ohne Maßstab, ohne eindeutige Orientierung. Stattdessen entsteht ein freies Feld des Sehens: ein Raum, in dem sich das Auge tastend voran bewegt, Zusammenhänge knüpft und wieder löst.
Ich sehe darin Fragmente, die für meine künstlerische Arbeit seit Anfang an wichtig sind.
Fragmente tragen eine doppelte Bedeutung: Sie sind Spuren eines Ganzen, das verloren ging – und zugleich Bausteine eines Neuen, das erst noch entstehen will. In meiner Bildwelt wird das Fragment daher nicht als Defizit begriffen, sondern als produktiver Zustand. Es verweist auf Abwesenheit und Möglichkeit zugleich. Diese Spannung zwischen Verlust und Potenzial bildet auch das Fundament unserer Weltbilder: Wirklichkeit erscheint nicht mehr als geschlossene Einheit, sondern als offenes Gefüge aus heterogenen Elementen.
Nun hoffe ich, dass meine Werke schon den Mund aufgetan haben und bin sehr neugierig, was sie Ihnen zu sagen haben.
I am delighted to welcome you to the opening of my exhibition of new works at a somewhat unusual but quite prominent location: the mezzanine level of the Universität subway station.
The world that artists in general—and I in particular—create in their works is, of course, different from the countless worlds of pleasure, scent, shopping, digital experiences, fitness, vacation, adventure, wellness, and so on.
In my visual worlds, you enter imaginary landscapes that resemble surreal spaces where figures, symbols, and swaths of color converge. Diversely fragmented perspectives emerge: organic and anthropomorphic fragments cluster together without ever fully stabilizing.
My works certainly cannot serve the purpose Faust seeks—“to discern what holds the world together at its core”—but perhaps they can facilitate aesthetic experiences, opening up spaces—visual, mental, and emotional spaces—in which
you can make your own connections, which may lead you into a dialogue with the images.
My “Cuties” are an important part of these visual worlds.
Cutie art, often associated with the Japanese kawaii style, is an aesthetic that uses cuteness, big eyes, and bright colors to create cartoon-like characters.
I have hung these 15 small circular images in a sort of decorative pattern, arranged in three rows of five images each. You’ll recognize fruits, vegetables, two cacti, and a fish, all of which now smile at us, grinning—with a certain childlike quality. Yet in my work, the cute veers into excess: figures that laugh too loudly, stare too intently, appear too garish. They are not smooth, not clean, and not digitally perfected. Instead, the painting roughens them up, intensifies them, and overpaints them. Colors clash, contours waver, surfaces come into motion. The figures appear like masks: friendly and yet eerie, inviting and yet elusive.
It is precisely this exaggeration and overpainting that reveals how the visual language of “Cuties” functions in our present: as a quick emotional shortcut, as a promise of harmlessness, as visual merchandise. Their apparent simplicity references the visual codes of pop culture and comics.
Yet in my works, the cute is not affirmed but exaggerated until it bursts through its own surface. The Cuties become disruptions, figures with too much energy, too much expression, too much presence.
This creates visual spaces where humor and aggression, play and loss of control, lightness and overwhelm overlap. This cartoon world takes on a life of its own on a stage where the familiar suddenly seems alien—and the funny takes on a darker, unsettling side.
I see in the anthropomorphism (i.e., the attribution of human characteristics, feelings, intentions, or behaviors to non-human entities) of this worldwide proliferation of Cuties—not only in commercial aesthetics—an allusion, albeit an ironic one, to an “animism” as believed in early “animistic” cultures.
In such cultures, animals and plants appear as transformations of human kin.
This could refer to the concept of the “global village”, which media theorist Marshall McLuhan coined as early as the 1960s—though he did so quite critically, warning of the potential for totalitarianism and terrorism inherent in the new electronic media if misused.
Today, people speak of the “digital” and even the “AI age”—with fears that are, in part, justified. In contrast, I present here, with my imagined laughing vegetables and grinning fruits, a positive utopia of a sustainable and loving relationship with our beautiful and, in part, nutritious plant world.
I have invited you here for a conversation and would like to briefly share a few key points that might inspire you—both in your discussions with me and among yourselves.
I realize, however, that the artist may not have much to say about his work, since the work is supposed to speak for itself, as they say
My “Cuties,” in particular, have their mouths almost too full, laughing at us, perhaps with too much energy, too much expression, too much presence.
In my “visual worlds,” there is no laughter, but you see overlays of symbols, color fields, organic forms, and eruptive impulses. What is revealed here is not a reconstructible story, but an almost poetic search for traces of what lies hidden—for the energies that guide our perception and the spaces of memory that form beyond clear representationalism.
Here, viewers are led into pictorial spaces that are constantly reshaping themselves. Lines become tectonic shifts, bundles of color become vegetative outgrowths, circular forms become markers of unexplored territories. At the same time, the paintings appear like cartographies of a foreign terrain—yet without a legend, without a scale, without clear orientation. Instead, a free field of vision emerges: a space in which the eye moves forward tentatively, establishing and then dissolving connections.
I see in this fragments that are important to my artistic work.
Fragments carry a dual meaning: they are traces of a whole that has been lost—and at the same time building blocks of something new that is yet to emerge. In my visual world, therefore, the fragment is not understood as a deficit, but as a productive state. It points to absence and possibility at the same time. This tension between loss and potential also forms the foundation of our worldviews: reality no longer appears as a closed unity, but as an open structure of heterogeneous elements.
Now I hope that my works have already opened their mouths, and I am very curious to see what they have to say to you.